Aus der Ausstellung Mit allen Sinnen – Forschung am Stuttgarter Naturkundemuseum, 2003 – 2004:
Lithodytes lineatus - der geheimnisvolle Ameisenfrosch
“An einem drückend-heißen Novembertag des Jahres 1977 hört Andreas Schlüter aus dem Eingang eines Nestes der Blattschneiderameisenart Atta cephalotes melodiöse, an den Klang einer Blockflöte erinnernde Töne. Zunächst bleibt unklar, wer Verursacher dieser Laute ist. Sollte tatsächlich ein Frosch
mitten in der „Höhle des Löwen“ sitzen? Schlüter lässt ein Mikrofon im Eingang des Ameisenbaues verschwinden.
Nach 60 cm Kabellänge registriert er den maximalen Ausschlag des Lautstärkemessers,
doch der geheimnisvolle Rufer bleibt weiterhin verborgen. Auch an den beiden folgenden Tagen ertönen die Laute aus dem Ameisennest. Schlüter und seine Kollegen legen
den Eingang des Nestes frei. Das Einatmen der Pilzsporen und die Beißattacken der Ameisen setzen die Forscher außer Gefecht. Mit Übelkeit und starkem Fieber verbringen sie den Rest des Tages in ihren
Hängematten. Am dritten Tag schließlich haben sie Erfolg. Sie entdecken ein Froschpärchen am Eingang des Nestes, das blitzschnell im Eingang verschwindet. Es handelt sich um die Art Lithodytes lineatus
, über deren Lebensweise bis zu diesem Zeitpunkt nichts kannt ist.
Wie aber kann der Frosch inmitten von Ameisen überleben, die normalerweise jeden Eindringlich überwältigen? Schlüter stellt fest, dass frisch gefangene Lithodytes lineatus
nach Maggi-Würze riechen. Erkennen die Ameisen den Frosch an diesem Geruch? Ist der Geruch der Schlüssel für den
freien Zugang zum Ameisennest? Handelt es sich bei der Beziehung Blattschneiderameisen – Frosch gar um eine bisher nicht bekannte Symbiose? Für den Frosch ergeben sich Vorteile aus den im Nest
herrschenden, günstigen mikroklimatischen Bedingungen und aus dem Schutz vor Feinden. Die Ameisen profitieren davon, dass sich der Frosch unter anderem von Insektenlarven ernährt, die in
Ameisennestern parasitieren. Blattschneiderameisen selbst konnten nämlich bei Untersuchungen von Mageninhalten dieser Frösche nicht nachgewiesen werden! 
Doch warum rufen die Männchen aus diesen Nestern? Ein rufendes Froschmännchen signalisiert damit normalerweise
seine Bereitschaft zur Fortpflanzung. Blattschneiderameisen (nachgewiesen wurde das für die Art Atta sextens) legen Gänge zu unterirdischen Wasservorräten (Grundwasser) an.
Schlüter vermutet, dass diese Wasserspeicher die Kinderstube von Lithodytes lineatus sind....
In der Tat haben jetzt kürzlich nordamerikanische Wissenschaftler diese Vermutung bestätigen können. Die Kaulquappen dieser Froschart ernähren sich
von den ins Wasser fallenden Sporen der von den Ameisen gezüchteten Speisepilze. Der Frosch trägt inzwischen den Namen „Ameisenfrosch“ (ant frog).”
Publikationen:
Erste Beobachtungen:
Schlüter, A. (1980): Bio-akustische Untersuchungen an Leptodactyliden in einem begrenzten Gebiet
des tropischen Regenwaldes von Peru (Amphibia: Salientia: Leptodactylidae). – Salamandra, 16(4): 227-247.
Schlüter, A. & J. Regös (1981): Lithodytes lineatus (Schneider, 1799) (Amphibia: Leptodactylidae) as a dweller in nests of the leaf cutting ant Atta cephalotes (Linnaeus, 1758) (Hymenoptera: Attini). –
Amphibia-Reptilia, 2: 117-121. Originaltext:....
Regös J. & A. Schlüter (1984): Erste Ergebnisse zur Fortpflanzungsbiologie von Lithodytes lineatus
(SCHNEIDER, 1799) (Amphibia: Leptodactylidae). - Salamandra, 20 (4): 252-261.
- Schlüter, A. & J. Regös (1996): The Tadpole of Lithodytes lineatus - with Note on the Frogs
Resistance to Leaf-Cutting Ants (Amphibia: Leptodactylidae). - Stuttgarter Beitr. Naturk., Ser. A, 1-4.
Ergänzende Beobachtungen anderer Autoren:
Hoogmoed, M. S. (1986): Ergänzende Beobachtungen an Lithodytes lineatus (Schneider, 1799) (Salientia: Leptodactylidae. - Salamandra, 22: 215-217.
Lamar, W. W. & E. R. Wild (1995): Comments on the natural history of Lithodytes lineatus (Anura:
Leptodactylidae), with description of the tadpole. – herpetological Natural History, 3(2): 135-142.